Kirchgemeinde St. Petri Rodewisch

 

 

Kirchgemeinde St. Petri Rodewisch
zur Geschichte der Martin-Luther-Kirche Rützengrün

 

 

 

75 Jahre Martin-Luther-Kirche Rützengrün 1925 - 2000
In alten Akten geblättert

Geschichte des Kirchenbaus in Rützengrün 

In der Auerbacher Zeitung vom 1.September 1925 wird über die neue Rützengrüner Martin-Luther Kirche Näheres berichtet:
"Sie ist ein künstlerisches Meisterwerk des Archtitekten, Herrn Höra - Bad Elster und des Baumeisters, Herrn Lehmann - Auerbach. Über dem Eingang, den Kirchenbesucher grüßend, befindet sich die Figur des segenspendenden Heilandes mit den Worten: Kommet her zu mir. Im Kirchenschiff stehen hundert Stühle. Die Beleuchtung besteht aus 8 doppelflammigen Wandarmen und 6 Deckenflammen. Die Heizung erfolgt durch 6 elektrische Oefen. Die bunte Farbenzusammenstellung wirkt besonders harmonisch, erhebend und feierlich. Das Tageslicht erhellt den Kirchenraum durch acht bunte Seitenfenster. Jedes dieser Fenster zeigt oben ein Wappen, und zwar vom Eingang rechts bis zur Kanzel gesehen, zeigt das erste Fenster das Luthersiegel, das zweite Fenster das Wappen von Eisenach, das dritte Fenster das Wappen von Worms, das vierte Fenster das von Augsburg. Links vom Eingang bis zur Liedertafel gesehen, das erste Fenster die Lutherrose, das zweite Fenster das Wappen von Erfurt, das vierte Fenster das Wappen von Wittenberg.
In den Nischen dieser Fenster sieht man Aehren, Lilienzweig, Kelch, Oelzweig, den Hahn als Zeichen der evangelischen Wachsamkeit, ein altes christliches Symbol. Ferner den Schlüssel, der den Schlüssel zum Himmelreich bedeutet und die Hand, die zum Himmel weist, auch die Hand Gottes.
Die Decke stellt den Himmel dar mit seinen genauen, der Wirklichkeit entsprechenden Sternenbildern und der Milchstraße. Rings um die Himmelsdecke erblickt man ebenfalls Symbole, und zwar besonders hervorzuheben den Anker als Symbol der christlichen Hoffnung, die Taube mit dem Oelzweig, auf die Sintflut und die Arche Noah hinweisend, Dornenkrone und Dornenkränze, auf  die Leiden des Herrn deutend. Ferner sieht man das Schiff als Symbol des Schiffes der Kirche Jesu Christi, das bei Sturm und Wellendrang sicher von seinem Steuermann Jesus gesteuert wird. Besonders besonders bemerkenswert ist auch der Fisch. Er ist ein ältestes christliches Symbol, in den Katakomben Roms zu sehen, ein Geheimzeichen aus den Tagen der Christenverfolgungen.
Die Buchstaben der griechischen Bezeichnung für Fisch (i ch th y s) waren für die Christen Anfangsbuchstaben der Losung: Jesus Christus, Gottes Sohn, der Heiland.
Endlich noch Monogramme Jesus, A und O, den ersten und letzten Buchstaben des griechischen Alphabetes bedeutend, sowie mit griechischen ineinander verwobenen Zeichen der beiden Anfangsbuchstaben des Namens "Christus".
Altar und Altarraum zeigen ebenfalls künstlerische Vollendung hinsichtlich Farbenzusammenstellung und Malereien.

Die drei bunten Altarfenster stellen dar:
Links: die Bergpredigt (Matth. 7,29), Mitte: Die Auferstehung (2.Tim. 1,10), Rechts:Jesus, Kranke heilend (2.Mose 15,26).
In den Nischen dieser Altarfenster erblickt man Luthers Siegel, Wappen und Trauringe. Zu den Trauringen soll folgendes Interessante bemerkt sein: Es sind zwei solche Ringe erhalten; der erste mit der Aufschrift:D. Martino Luthero Catharina v. Boren 13.Jun.1525. Dieser Ring trägt das Bild des Gekreuzigten und seiner Marterwerkzeuge.
Der zweite Ring ist ein Doppelring, aus zwei ineinandergefügten Reifen bestehend, von welchen der eine einen Diamanten mit den Buchstaben Luthers, M.L.D.,der andere einen Rubin mit denen seiner Gattin, C.v.B., enthält.
Auf der Innenfläche des ersten Reifens steht: Was Gott zusammenfügt; auf der anderen: Soll kein Mensch scheiden.

Über dem Altare leutet das Auge der Ewigkeit der Dreieinigkeit.
Eine weiße Taube, der heilige Geist, schwebt herab.
Links vom Altar erblickt man Adam und Eva, den Sündenfall. Rechts die Sündenüberwindung, Jesus zertritt der Schlange den Kopf.
Aus der roten Altarbekleidung leuchtet weiß das Lamm hervor als Zeichen des Opfer- und Sühnetodes Jesu. Darunter die Worte: Gott ist die Liebe.
Die Kanzel ist ebenfalls in bunten Farben gehalten und zeigt die Gestalten der vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes und den Apostel Paulus.

 So ist die Kapelle ein künstlerisches Meisterwerk und herzlicher Dank gebührt denen, die an diesem Werke gearbeitet und geschaffen haben und zu ihm gestiftet haben. Die Martin-Luther-Kirche ist eine Sehenswürdigkeit in der Umgebung Auerbachs und der Besichtigung wert. Sie ist vielleicht unter den kleineren Kirchen des Sachsenlandes die stilvollste und bedeutet den zweiten Kirchenbau im Heimatlande nach dem Kriege."

Einen würdigen Abschluß der Feierlichkeiten zur Einweihung der Martin-Luther-Kirche in Rützengrün bildete die Pflanzung der Luther-Eiche:
An der Turmseite ist ein schlichter, schöner Stein mit der Inschrift "Der Herr ist dein Trotz" am 8.November 1925 aufgerichtet worden. Dahinter erhebt sich nun die Luthereiche.
Die Rede hielt Herr Superintendent Lic. Dr. Kühn:
"Ich pflanze zwischen Lutherstein und Lutherkirche die Luthereiche
          1. als einen kostbaren Schmuck dieses schmucken Kirchengeländes,
          2. als eine Künderin von wurzeltiefem Eichentrotz und Eichenfestigkeit,
          3. als eine Mahnerin zu Lutherdemut und Luthergemüt - zu Lutherkraft und Luthergröße,
          4. als ein Symbol unseres Gelübdes: Wir als die von einem Stamme stehen auch für einen Mann - unter einem Heiland,
          5. als ein Zeichen der ewigen Gnade: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir,
          6. als einen Boten unseres Jubelgesanges, den der Heimatglocken Ton hinaus in die Lande läuten will: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke.
Der bei der Pflanzung herrschende Herbststurm wirkte wie ein Gleichnis des herrschenden Sturmes im deutschen evangelischen Lande.
Möchten die Luthereiche zu Rützengrün und das deutsche evangelische Volk in diesen Stürmen um so fester wurzeln!"          

Auszug aus der Auerbacher Zeitung vom Oktober 1925:
"Wie wir hören, wird die zu pflanzende Eiche aus der Lutherstadt Wittenberg bezogen. Sie ist ein Nachkömmling der weltgeschichtlich berühmten Luthereiche zu Wittenberg."
Schon während des Kirchenbaues wünschten sich die Rützengrüner: Es müßten auch Glocken auf dem Kirchturm hängen. Drei Hartgußglocken, die von der Firma Lattermann und Söhne, Rautenkranz gegossen wurden, konnten am 31.Oktober 1925 geweiht werden.
     Große Glocke: "Fis" , Durchmesser 140 cm,   Gewicht 1.100 kg
     Inschrift: "Ein fest Burg ist unser Gott" und "Vivos voco, mortuos plango, fulgura frago"
     (d.h.    "Ich rufe die Lebenden, beklage die Toten, zerbreche die Blitze") "Reformationsfest 1925"
     Mittlere Glocke: "Ais" Durchmesser   110 cm, Gewicht 500 kg,
     Inschrift:" Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, Reformationsfest 1925"
     Kleine Glocke:   "Cis",   Durchmesser 91 cm , Gewicht 300 kg,
     Inschrift: " Ehre sei Gott in der Höhe, Luc. 2,14, Reformationsfest 1925"
Spender der Glocken waren: die politische Gemeinde Rützengrün, Kommerzienrat Bretschneider, die Landwirte Ernst Lenk und Familie Paul Schüler und Bürgermeister Walter Seifert und Familie.

Wie war es mit der Finanzierung des Baus?
Es mußten Hypotheken aufgenommen werden. Das war bei der damaligen Finanzlage keine leichte Sache. Superintendent Kühn wandte sich mehrfach an das Landeskonsistorium und versuchte Geld zu beschaffen und hatte wechselnden Erfolg.
Am 28.11.1924 berichtete er nach Dresden, es fehlten 17-18 000 M (die Gesamtkosten betrugen damals 26.000 M). Es kam eine Beihilfe von 3.000 M und ein unverzinsliches Darlehn von 5.000 M. Doch das waren nur 8.000 M. Es fehlten immer noch 10.000 M. 
Es wurden Stifter für die Kirche Rützengrün angeworben. 17 Darlehen zwischen 3.000 und 5.000 M wurden aufgenommen. Aber die Schulden konnten nicht gedeckt werden. Schlimm wurde es, als die Darlehen fällig wurden, bzw. die Amortisation bestimmter Beträge wegen der schlechten Wirtschaftslage unterbrochen werden mußte. In einer Notiz ist zu finden, daß am 9.April 1926 die Schulden des Kapellenbauvereins 18.000 M betrugen.An diesem Tage ging die Martin-Luther-Kapelle in den Besitz der Auerbacher Kirchgemeinde über, d.h., die Kirchgemeinde übernahm alle Verpflichtungen und Schulden des Kapellenbauvereines.

1934 wurde die elektrische Heizung wegen zu hoher Kosten außer Betrieb gesetzt und ein Ofen aufgetellt. Auch das Parkett mußte schon wieder erneuert werden.

1957 erfolgte eine Innenrenovierung. Dabei verschwanden die Inschriften und der blaue Sternenhimmel.
Weiterhin wurde die Turmuhr renoviert.
1969 wurde ein neues Harmonium angeschafft (Fa. Lindholm, Erfurt).

1992 begann eine erneute Zeit reger Bautätigkeit:
Die Fenster an der Westseite wurden erneuert, ebenso die beiden Eingangstüren, die Eingangstreppe, Dachrinnen und die Schieferdeckung.
Noch ist viel zu tun, um die Kirche auch innen wieder in alter Schönheit herzurichten.

Auf 70 Jahre schaut die Rützengrüner Kirche zurück. Und was wird kommen ?
Ihr Turm zeigt nach oben. Möglicherweise sagt sie:
"Das will ich mir schreiben in Herz und Sinn, daß ich nicht für mich auf Erden bin,
daß ich die Liebe, von der ich leb' , liebend an andere weitergeb."

Voigt/Bretschneider

Hier endete vor 5 Jahren die damals erstellte Dokumentation zum 70. Jubiläum.
Inzwischen sind 5 Jahre vergangen – 5 Jahre, die es in sich haben. Außen strahlt die Kirche heute – im Sommer 2000 - komplett erneuert in einem freundlichen Gelb.

Fast 50.000,00 DM an Eigenanteilen hat die Gemeinde zur Finanzierung aufgebracht, der Rest kam vom Bund und Land, von der Stadt Rodewisch und der Sächsischen Landeskirche. Im Jahr 2000 soll noch eine neue Elektroheizung eingebaut werden und für 2001 wurde bereits ein Fördermittelantrag für die Innenrenovierung gestellt. So dass, wenn alles gut geht, Ende des Jahres 2001 die gesamte Kirche innen und außen gründlich – das erste Mal seit der Erbauung - erneuert worden ist. In die große Freude über das Erreichte mischt sich aber auch eine gewisse Nachdenklichkeit. Noch nie war die Zahl der Gottesdienstbesucher so gering wie jetzt. 8, 12 oder 15 Besucher sind zu normalen Gottesdiensten die Regel.
Fragen tauchen auf: was wird, wenn die älteren Gemeindeglieder nicht mehr in die Kirche kommen können? Wie soll das weitergehen ? Viele Rützengrüner Einwohner sind zwar Gemeindeglieder, legen auch Wert darauf, dass es die Kirche im Dorf gibt und spenden auch für ihre Renovierung, aber - sie kommen nicht zu den Gottesdiensten.
Liegt es an der Kirchgemeinde, an unseren Gottesdiensten, unseren Mitarbeitern und Predigern? Oder ..... ?
Es wäre schön, wir könnten darüber ins Gespräch kommen. Wir – die Kirchenvorsteher Andre Fuchs und Christian Bretschneider - wünschen uns, dass Sie uns ansprechen, damit wir gemeinsam Wege und Mittel finden, um unsere Kirche in unserem Dorf Rützengrün mit Leben zu erfüllen.

 Mit freundlichen Grüßen

 A. Fuchs und C. Bretschneider